21.01.2012
Zeitgeschichte: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“

Es ist ein Zufall, daß die Tagebücher, die der Justizinspektor Friedrich Kellner von 1939 bis 1945 schrieb, bekannt wurden. Im Mai 2005 berichtet das Hamburger Wochenmagazin „Der Spiegel“ über eine Ausstellung in College Station in Texas. Da wurde von einem Kriegstagebuch berichtet, das in der „George Bush Presidential Library“ gezeigt wurde. Der Autor Kellner hatte 1960 seinen in den Staaten lebenden Enkel Robert Scott Kellner neun Hefte seiner Tagebücher übergeben. Giessener Wissenschaftler wurden durch den Spiegel-Bericht auf das zeitgeschichtliche Konvolut aufmerksam. Nach dem der fehlende zehnte Band bei einem Zeitzeugen ausfindig gemacht wurde, konnte mit der vollständigen Edition der Tagebücher begonnen werden.

Friedrich Kellner, 1885 geboren und 1970 verstorben, hinterließ mit seinen Tagebüchern eine ungeschminkte kritische Auffassung über das NS-System, das mit seinem Weltkrieg II. die Herrschaft in Europa übernehmen wollte. Ab 1933 arbeitete Kellner als Geschäftsstellenleiter des Amtsgerichts der Kleinstadt Laubach in Oberhessen. Der Mann war Mitglied der SPD vor 1933 und nach 1945 wieder, gehörte auch dem örtlichen Karnevalsverein an. Somit ein ganz normaler Bürger.

Mit seinen Tagebüchern wollte der Autor Zeugnis ablegen, über das tägliche Geschehen im „Reich.“ Es war seine Kritik am NS-Regime. Dabei entgeht er mit viel Glück einer Einweisung in ein Konzentrationslager. Das Tagebuch beginnt Friedrich Kellner am 1.September 1939 nach dem Überfall auf Polen. Vielleicht wollte er auch früher mit seinen Aufzeichnungen beginnen, denn am 26.September 1938 schreibt Kellner: „Der Sinn meiner Niederschrift ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein „großes Geschrei“ daraus zu konstruieren.“

In den Jahren von 1939 bis Ende Mai 1945 entstanden 10 Hefte, in die Kellner Artikel aus Zeitungen einklebte und sie mit handschriftlichen Kommentaren oder Anmerkungen versah. In diesen Tagebüchern trifft das große Weltgeschehen auf die Alltagsgeschichte der Nazis.

Friedrich Kellners Tagebuch ist ein zeitkritisches Dokument und liegt dank großzügiger Zuwendungen von Stiftungen, darunter auch die Lagergemeinschaft Auschwitz, in einer zweibändigen kommentierten Ausgabe vor.
khw

Friedrich Kellner:
„Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“
Tagebücher 1939 – 1945“ in 2 Bänden

Hg. Von Sascha Feuchert, Robert Martin, Robert Martin Scott Kellner,
Erwin Leibfried, Jörg Riecke und Markus Roth
Wallstein Verlag Göttingen 2011 – 1134 Seiten – 59,90 EUR