13.09.2011
Zeitgeschichte: Paul Léautand - Kriegstagebuch 1939-1945

Zuerst einige Daten zu Paul Léautand: am 18. Januar 1872 in Paris geboren und am 22.Februar 1956 in Les Plessis-Robison im Département Hauts-de-Seine verstorben. Als Kind wurde er von den Eltern vernachlässigt. Das Arbeitsleben begann er als Handlungsgehilfe und Schreiber eines Rechtsanwaltes. Von 1908 bis 1941 war er Sekretär der Zeitung „Mercure de France“. Für dieses Blatt wie für „La Nouvelle Revue Française“ schrieb er ab 1895 Theaterkritiken. Der Mann wird seit 1912 als Misanthrop beschrieben, der mit zahllosen Hunden und Katzen im Pariser Vorort Fontenay-aux-Roses lebt. Zeit seines Leben schrieb Léautaud Tagebuch und gehört damit zu den großartigsten Tagebuchautoren von Weltruf.

Hanns Grössel hat das Kriegstagebuch von Paul Léautaud übersetzt und herausgeben. Walter Benjamin über den Tagebuchschreiber: „Nie hat es einen Kritiker gegeben, der den Vorgang des Kritisierens selbst so erstaunlich und wahr zu gestalten gewußt hat. Das ist die außerordentliche Kunst dieses Mannes.“ Zum Krieg, der von 1914-1918 in Europa tobt, schreibt am 3. Januar 1916 Paul Léautand treffend: „Krieg ist der gesetzliche Rückfall in die Barberei.“

Paul Léautands Kriegstagebuch beginnt noch vor dem Einmarsch der Hitler-Armee in Paris am 14. Juni 1940. Am 17. April 1939 schreibt er: „Ich habe mir einen Revolver gekauft. Ein ganz altmodisches amerikanisches Modell, das nur 4 Schuß hat und mich in der Auslage eines Waffenhändlers auf dem Boulevard Saint-Germain (gegenüber der Société de Géographie) verlockt hatte, 150 Francs. Ich habe 67 Jahre alt werden müssen, ehe ich einen solchen Gegenstand besitze.“

In seinem Tagebuch vermerkt Leautand die Schwierigkeiten des Lebens, die unter der Deutschen Besetzung beginnen. Das Leben ist eingeschränkt, von Lebensmitteln nun auf Marken, die es nicht zu kaufen gibt, über Todesfälle und aktiven Widerstand gegen die Besatzer. Nur kurz nimmt er die Résistance zur Kenntnis, die nach
dem Streik von Metro, Gendarmerie und der Post am 10.August 1944 die den Aufstand am 19.August vorbereiten. Fünf Tage später kontrolliert die Résistance dreiviertel der Stadt Paris. Mit dem Einmarsch der Panzertruppen von Leclerc und den US-Amerikanern am 25.August 1944 ist endlich für die Pariser der Krieg zu Ende.

Am 26 August 1944 vermerkt er zu den Feierlichkeiten der Befreiung: „Dieser Fetischismus mit der Fahne? Wie kann man nur so ein Stück Stoff verehren. Für mich genauso abwegig wie die Leute, die vor einer religiösen Statue niederknieen.“

Paul Léautaud hat mehr als sechzig Jahre, vom 3. November 1893 bis zum
17. Februar 1956, fünf Tage vor seinem Tod, Tagebuch geschrieben. Das Kriegstagebuch ist ein kleiner Ausschnitt seiner Notizen.
khw

Paul Léautand – Kriegstagebuch 1939 – 1945
Herausgegeben und übersetzt von Hanns Grössel
Berenberg Verlag Berlin 2011, 192 Seiten 20,00 EUR