09.07.2010
Zeitgeschichte: Ein Paradies für Ethnographen

Zum ersten Mal auf Deutsch sind frühe Reportagen von Ryszard Kapuscinski unter „Ein Paradies für Ethnographen“ erschienen, die bereits 1962 in der VR Polen veröffentlicht wurden. Der Autor hatte eine große Anzahl von Kurzgeschichten für die Wochenzeitung „Polityka" (Politik) geschrieben, für die er in diesen Jahren tätig war. Kapuscinski läßt mit seinen Alltagsgeschichten westeuropäische Leser die Atmosphäre der frühen Nachkriegsjahre in Polen erlebbar werden. Der Autor ist ein exzellenter Reporter der das Alltägliche mit einem genauen Blick erfaßt und wiedergeben kann. Seine Neugier als Reporter ist stets gepaart mit Zähigkeit und Furchtlosigkeit, was heute seine Kollegen nicht mehr haben.

Die Beiträge sind für seine Landsleute geschrieben, ist sein Versuch, das eigene Land seinen Bürgern zu erklären. Die haben stets große Schwierigkeit als strenggläubige Katholiken die neue sozialistische Gesellschaft der Volksrepublik zu verstehen. Ryszard Kapusciniski leiht dabei vor allem den kleinen Leuten sein Ohr wie seine Feder, gibt ihnen so eine Stimme. Es sind die wahren Helden.

Über seine Arbeit schrieb Kapuscinski: „Ich beendete mein Studium und begann bei einer Zeitung zu arbeiten. Sie hieß 'Sztandar Mlodych' (Jugendfahne). Ich war ein junger Reporter und reiste auf den Spuren von Leserbriefen durchs Land. Die Absender beklagten sich über erlittenes Unrecht und ihre Armut, darüber, dass ihnen der Staat die letzte Kuh weggenommen hatte oder dass es in ihrem Dorf immer noch kein elektrisches Licht gab.

Die Zensur hatte nachgelassen und man durfte zum Beispiel schreiben, dass es im Dorf Chodordw zwar einen Laden gab, doch man konnte dort nichts kaufen. Der Fortschritt bestand darin, dass man zu Lebzeiten Stalins nicht schreiben durfte, dass ein Laden leer war - alle mußten immer bestens beliefert sein, voller Waren. Ich fuhr von einem Dorf zum anderen, von einer Kleinstadt zur nächsten, mit einem Pferdewagen oder einem klapprigen Autobus, denn Privatautos waren eine Seltenheit, sogar ein Fahrrad war schwer zu bekommen.“

Ryszard Kapusciniskis siebzehn Kurzgeschichten sind auch noch Jahrzehnte später spannende polnische Zeitgeschichte.
khw

Ryszard Kapusciniski: Ein Paradies für Ethnographen - Polnische Geschichten
Mit einem Vorwort von Martin Pollack

Aus dem Polnischen übertragen von Martin Pollack und Renate Schmidgall
Eichborn Franfurt/Main 2010 - 172 Seiten - 16,95 EUR