08.07.2010
Sachbücher: Spurensuche im Saarland

Der Gollenstein Verlag in Merzig ist seiner Region wie dem Bundesland Saarland verpflichtet. In unregelmäßigen Abständen editiert der Verlag dazu Titel. Vor kurzer Zeit ist der Band «Alfred Döblin: “Meine Adresse ist: Saargemünd“» erschienen. Bis zum Ende des I.Weltkriegs gehörte der Ort zu Elsaß-Lothringen. Dann kam es wieder als Sarreguemines als Teil des Départment Moselle zu Frankreich.

Als Militärarzt an einem Seuchenlazarett in Saargemünd tätig hat Alfred Döblin nicht nur die Landschaft durchstreift, hier schreibt er. Ist der gebbürtige Stettiner Döblin noch zu Beginn des Krieges unentschieden, wird er im Westen des noch Kaiser-Reiches zum Pazifisten. In Saargemünd entstehen die Novelle «Das Gespenst vom Ritthof» und andere Erzählungen für die spätere Sammlung «Die Lobensteiner reisen nach Böhmen». Sie sind Döblins Blick auf Land und Leute hier. 1916 erscheint sein Roman «Die drei Sprünge des Wang-lun», beginnt hier hinter Front mit seinem Wallenstein-Roman. Das Kriegsende erlebt Döblin in Hagenau, heute französisch Haguenau. Nach dem verlorenen I. Weltkrieg, wird das Saargebiet als autonome französische Provinz der Verwaltung des Völkerbunds unterstellt. Da ist Döblin bereits in Berlin-Lichtenfelde, wo er sich niederläßt. 1919 ist er Zeuge der März-Kämpfe. Diese Zeit werden Jahre danach in den Roman November 1918 verarbeitet.

Nach 1933 flieht er mit der Familie über die Schweiz nach Frankreich. Hier nimmt er 1936 die französische Staatsbürgerschaft an. Im Juni 1940 geht die Flucht weiter nach Südfrankreich und Portugal. Sie endet in seinem Exil in den USA.

Noch einmal sind die Vogesen für die Döblins Schicksal. Der Sohn Wolfgang (französisch Vincent Doeblin) ist französischer Staatsbürger. Der hochbegabte Mathematiker hat in Zürich wie an der Sorbonne studiert und promoviert. Als französischer Staatsbürger muß er ab 1938 einen zweijährigen Militärdienst absolvieren. Die Offizierslaufbahn lehnt Wolfgang Döblin ab, kommt als einfacher Soldat ins elsässische Housseras, etwa 130 Kilometer von Saargemünd in den Vogesen. Als die Wehrmacht das Dorf besetzt, nimmt er sich, keine 25 Jahre alt, das Leben.

1946 kehren die Döblins aus dem amerikanischen Exil zurück und er wird Redakteur der Literaturzeitschrift «Das goldene Tor», die im Auftrag der französischen Besatzungsmacht in Baden-Baden erscheint. 1953 zieht er wegen der Restauration der Bundesrepublik wieder nach Paris. Bei einem Klinikaufenthalt stirbt er 1957 in Emmendingen und wird neben seinem Sohn in Haguenau beerdigt.

„Hier spricht die Saar – Ein Land wird verhört“ aus der Reihe „Spuren“ erschien
bereits 2005. Drei Reportagen, die vor oder zur Saarabstimmung am 13.Januar 1935 sind in dem Band als Reprint veröffentlicht. Der Autor Philippe Soupault ist Franzose und Reporter des „L´Excelsior“. Sein Beitrag hat den Titel: „Die Saar – Ein Land mit vielen Unbekannten“.

Unter seinem Pseudonym Theodor schreibt der Serbokroate Dragutin Fodor, der 1929 seine Heimat wegen der Diktatur verlassen mußte, seinen Beitrag mit dem Titel: „Hier spricht die Saar – Ein Land wird interviewt.“ Bis 1933 ist Deutschland sein Exil. Hier wurde er Mitglied der KPD und veröffentlichte nicht nur in der Parteizeitung der „Roten Fahne“ seine Beiträge. 1933 erfolgte sein zweites Exil. Ab 1934 ist Frankreich die neue Heimat. Es ist auch das Jahr in dem seine umfangreiche Analyse erscheint. Weitere Stationen sind der Spanische Bürgerkrieg. Der Journalist, eigentlich Arzt, wird Bataillonsarzt der 14.Internationalen Brigade und hat entscheidenden Anteil am Aufbau des republikanischen Sanitätswesens.

Die dritte Reportage „Die Saar“ hat Ilja Ehrenburg für die „Iswestija“ in Moskau geschrieben. Seit 1921 ist der Schriftsteller und Journalist regelmäßig in Westeueropa – Belgien, Frankreich Deutschland und Spanien. Am 10.Mai 1933 werden auch seine im Malik-Verlag erschienenen Bücher, darunter „Spanien heute“ von den Nationalsozialisten auf dem Scheiterhaufen gegenüber der Humboldt-Universität verbrannt.

Auf Deutsch erscheint die Reportage über die Saar in der „Neuen Weltbühne“, die in Prag redigiert wird. Ehrenburg beschwert sich in einem Leserbrief, veröffentlicht in der Nr. 3/1935 darüber, daß “...nicht ein zusammenhängendes Stück herausgesucht, wie ich vorgeschlagen hatte, sondern eine Montage gemacht wurde.“

Dem Herausgeber Ralph Schock ist für die erneuten Veröffentlichungen der drei Beiträge zur Geschichte der Saar wie zu Alfred Döblin zu danken, auch daß zur Illustration Fotos von Robert Capa ausgewählt wurden.
khw

Alfred Döblin „Meine Adresse ist: Saargemünd“
Gollenstein Verlag ,Merzig – 2010 - 320 Seiten – 21,90 EUR

Hier spricht die Saar - Ein Land wird interviewt
Drei Reportagen von Phillippe Soupalt, Theodor Balk und Ilja Ehrenburg
Gollenstein Verlag Merzig – 2005 408 Seiten – 21,00 EUR

Beide Bände herausgegeben von Ralph Schock