25.05.2010
Literatur: Gisela Elsner „Fliegeralarm“

In ihrer fast rabenschwarzen Satire schildert die Autorin eine Gruppe von Kindern, die beim Spielen in Trümmerlandschaften, die Bombenangriffe in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges hinterlassen, regelrecht aufblühen. Im Gegensatz zu ihren Eltern begrüßen die Kinder die Bombenangriffe der Amerikaner und Engländer. So bekommen die Heranwachsenden fast täglich immer neue Abenteuer-spielplätze. In ihren Spielen imitieren die Kinder makaber das Drumherum in jener Zeit. Es sind die Prinzipien und Strukturen des NS-Staates, die in ihrem Spiel das Beherrschende sind. Auch bezichtigen sie ihre Eltern der Feigheit, selber wollten sie selbst „hart wie Leder“ und „zäh wie Kruppstahl“ sein. Doch bald bemerken die Kinder, dass ihnen für das authentische Nachstellen der NS-Zeit noch etwas Entscheidendes. Um was es hier geht finden sie beim Lesen.

Die Autorin, 1937 geboren, stammte aus einer großbürgerlichen Familie und wuchs in Nürnberg auf. Ihr Vater war Direktor bei Siemens. Nach dem Abitur studierte sie Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaften in Wien. Nach dem Studium lebte sie als freie Schriftstellerin an verschiedenen Orten, in Frankfurt am Main, Rom, London, Paris, Hamburg, New York und schließlich in München. 1962 und 1963 nahm sie an Tagungen der Gruppe 47 teil. Bereits seit 1962 arbeitete sie in der Dortmunder Gruppe 61 mit und wurde 1971 Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Der Erstling, die Kleinbürgergroteske „Die Riesenzwerge“ wurde der größte literarischen Erfolg.

Ihre frühen Arbeiten waren für die Zeit in einem ungewöhnlich rebellischen, antibürgerlichen Ton gehalten, vermochten wegen der konstruierten Handlungen und manieriertem Stil wenig überzeugen. Auch mit einer realistischen Schreibweise konnte die Autorin nicht mehr an den Erfolg ihres Debüts anknüpfen. Gisela Elsner litt ihr Leben lang unter dem Zwiespalt zwischen ihrer bürgerlichen Herkunft und ihrer radikalen Opposition gegen alles Bürgerliche. In einem Gespräch, veröffentlicht im Februar 1978 in der UZ der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), sagte sie drastisch: „Im Grunde kotzen mich Schriftsteller an, die nicht von der Idee wegkommen, ein Außenseiter oder Prophet zu sein, und das, was sie als ihre individuelle Freiheit bezeichnen, gegen die
kollektive Freiheit auszuspielen versuchen, die sich an der Gemeinschaft vergehen.“

Bis zu ihrem Freitod sympathisierte Gisela Elsner mit dem DDR-Sozialismus wurde Mitglied der DKP, auch wenn sie wegen reformerischer Tendenzen im Juni 1989 austrat. Ab Oktober 1989 war sie erneut Mitglied und hielt auch nach dem Untergang der DDR an ihren kommunistischen Überzeugungen fest.

„Fliegeralarm“ ist der letzte 1989 veröffentlichte Roman der Autorin. Die Erstausgabe besorgte der Paul Zsolnay Verlag. Der Rowohlt Verlag, Gisela Elsners langjähriger Verlag, hatte die Zusammenarbeit aufgekündigt.

Nun liegt „Fliegeralarm“ in einer neuen Auflage vor Die Herausgeberin Christine Künzel hat den Text auf der Grundlage des Typoskriptes überprüft. KAI Kohler hat ein Nachwort geschrieben.
khw

Gisela Elsner Fliegeralarm
Verbrecher Verlag 2009
288 Seiten –Broschiert 14,00 EUR