05.05.2011
Hamburger Korrespondenz

Olaf Scholz in der Findungsphase gegen das große Schuldenloch

In einer Klausur mit seinem Senat versucht der neue 1. Bürgermeister von Hamburg, Olaf Scholz, Geld im Stadtsäckel für sein Regierungsprogramm zu finden. Es fehlen rund 500 Millionen Euro. Was auf Hamburg an Kosten für die Elbphilharmonie noch zukommen wird, vermag keiner, weder der Bürgermeister noch die Kultursenatorin sagen. Ein neuer parlamentarischer Untersuchungsausschuss - der zweite – soll versuchen zu klären, warum die Kosten aus dem Ruder liefen. Der Bau sollte einmal 78 Millionen Euro kosten, inzwischen liegen die Kosten des Elbmusiktempels bei 370 Millionen. Und ein Ende der Kostensteigerungen ist immer noch nicht in Sicht.

Immer wieder wird in der Journaille der Name „Rote Flora“ genannt. Die Geschichte beginnt vor 176 Jahren und seit 20 Jahren ist sie in Hamburg ein Brennpunkt. In Abständen, stets zum 1. Mai und zum Bürgerfest im Schanzenviertel im Herbst macht die „Rote Flora“ Schlagzeilen. Die Geschichte des heutigen autonomen Zentrum beginnt 1835. In diesem Jahr eröffnete hier ein Sommertheater mit Ausfluggarten in der noch spärlich bebauten Gegend. Das änderte sich 1855. Es kam der neue Besitzer Schmidt der den Vergnügungspark „Schmidt´s Tivoli“ nannte. Im Jahr 1869 der nächste Besitzer. Nun heißt es „Damm´s Tivoli“. 1888 wird abgerissen und es entsteht das „Gesellschafts- und Conzerthaus Flora“, das 2 Jahre später durch eine Konzerthalle erweitert wird.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts komponiert Paul Lincke für das seinen Flora Marsch. Eine Textzeile: „Dora – komm in die Flora, die so viele Reize hat.“ – Nach dem Ersten Weltkrieg kommt für die Flora der Niedergang. Nach einander werden hier Mieter: „Elsamai-Orient Tabak und Cigarettenfabrik“ und die „Berlitz School of Languages“. 1926 zieht in die Räume ein Kinovarieté ein. Es sind bekannte Namen wie Hans Albers, Zarah Leander und Johannes Hesters, die hier auftreten. Vier Jahre später ist das Kinovarieté Pleite und muss Konkurs anmelden. In der Nazizeit werden hier 23 Kleinwohnungen eingerichtet und im Garten ein Hochbunker gebaut. Unbeschadet übersteht die Flora die Hamburger Bombennächte.

1949 startet die Flora als Revuetheater mit „Die lustige Witwe“ in die neue Zeit. Aber schnell ist die Revuezeit vorbei. Es etabliert sich bis 1964 ist es ein Großkino, das 800 Plätze hat. In diesem Jahr kauft die stadteigene Grundstücksgesellschaft Sprinkenhof AG die Immobilie und vermietet sie an das Warenhaus „1000 Töpfe“. Trotz laufenden Mietvertrag gab es 1979 den Plan, dass das Haus zum Spielort für das zu renovierende Schauspielhaus zu nutzen. Der Plan scheiterte an den hohen Umbaukosten.

1987 wollte der Musical-Produzent Friedrich Kurz das Gebäude zum Musical-Theater umbauen und zwei Jahre später sollte hier „Das Phantom der Oper“ seine Premiere haben. Ein breites Bündnis von Anwohner und Gewerbetreibenden und autonomen Gruppen verhinderten den Plan. Genervt von den zahlreichen Aktionen gaben die Investoren ihr Musicalprojekt an dieser Stelle auf.

Im August 1989 bot die Stadt den alternativen Gruppen das Haus zur Nutzung als Stadtteilzentrum an. Am 23. September 1989 wurde die „Rote Flora“ offiziell eröffnet und am 1. November 1989 für besetzt erklärt. Zwischen den Besetzern und dem Senat ging es in den nächsten Jahren immer hin und her. Im März 2001 verkaufte der Senat überraschend das Haus an den Immobilienkaufmann Klausmartin Kretschmer. Beim Kauf sicherte er zu, dass am Status der Roten Flora nichts geändert wird.

Seit diesem Jahr die „Rote Flora“ das „Revolutionäre Zentrum“ mit einem starken anarchistischen Touch der Stadt. Hier werden Themen wie Immigration, der neue Nationalismus hierzulande, Privatisierung des öffentlichen Raums und soziale Konflikte aufgearbeitet. Die Aktivitäten werden über Konzerte finanziert. Die Musikstile reichen von Punk über Reggae bis zu Techno.

Ob die „Rote Flora“ noch Jahre von hier gegen den Mainstream Dampf machen kann - was zu wünschen ist - steht nicht fest. In diesen Tagen wurde bekannt, der Eigentümer der Immobilie möchte endlich mit der Immobilie Kasse mache. Nur ein Käufer ist nicht in Sicht. Hoffen wir, dass die „Rote Flora“ bleibt.
khw