19.06.2010
Nachruf
Zum Tod des portugiesischen Nobelpreisträgers für Literatur José Saramago

Im Alter von 87 Jahren ist der portugiesische Romancier José Saramago auf der spanischen Insel Lanzarote am 18.Juni 2010 gestorben. Als José de Sousa Saramago wurde er am 16.November 1922 in dem kleinen Dorf Azinhaga im Kreis Golegã in der Provinz Estremadura/Ribatejo geboren. Die Eltern José de Sousa und Maria da Piedade waren Landarbeiter auf den Latifundien der Großgrundbesitzer. José de Sousa, wie sein Vater, wäre heute sein Name. Der Standesbeamte hat auf eigene Initiative den Beinamen Saramago, durch den die Familie seines Vaters im Dorf bekannt war, dem Namen hinzugefügt.

Saramago ist der Ackerrettich, eine wilde Pflanze aus der Familie der Kreuzblütler, und diente den Armen in Portugal als Nahrung. Etwa ähnlich der wilden Rauke in früheren Jahren in Deutschland. Erst als der junge Saramago sieben Jahre alt war, in der Grundschule einen Ausweis vorlegen mußte, bemerkten seine Eltern, daß sein voller Name José de Sousa Saramago lautete.

1924 zog die Familie nach Lissabon, hier arbeitete der Vater als Polizist. Trotz ausgezeichneter Zeugnisse konnte die Familie ihm den Besuch eines Gymnasiums nicht bezahlen. Eine technische Fachschule war seine einzige Möglichkeit der Bildung. Danach wurde er Mechaniker, arbeitete 2 Jahre in einer Kfz-Werkstatt.


Fatima Denkmal der Hirtenkinder

Durch den Besuch der Fachschule kam es zum Kontakt mit der Literatur des Landes. Saramago wurde ein eifriger Besucher der öffentlichen Bibliothek Lissabons. Diese autodidaktischen Studien ermöglichten es, für Verlage und Zeitungen zu arbeiten. Zwei Jahre nach der Nelkenrevolution wurde er 1976 freier Schriftsteller.

Direkt lernte Saramago 1949 die Salazar-Diktatur kennen. In diesem Jahr wurde er aus politischen Gründen entlassen. Es folgen Jahre, wo es für ihn wechselnde Beschäftigungen gab. Trotz aller politischen Repressionen schloß er sich 1969 der PCP, der illegal tätigen Kommunistischen Partei, an. Der PCP bleibt er bis zum Tode die treu.

1966 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband Os Poemas Possíveis, vier Jahre später den zweiten Pravavelmente Alegria. Nach der Nelkenrevolution 1974 schien für Portugal eine andere Zeit anzubrechen. Von April bis November 1975 arbeitete Saramago als stellvertretender Leiter der Tageszeitung Diário de Noticias. Nach einer gescheiterten Rebellion kommunistischer Truppenteile ging das bürgerliche Lager als Sieger aus der Revolution hervor; Saramago verlor seinen Posten bei der DN. Ohne Hoffnung auf eine Anstellung entscheidet er sich, sich ganz der Literatur zu widmen.

Mit dem Roman „Hoffnung im Alentejo“ (Levantado do Chão), 1980 veröffentlicht, hat er seinen nationalen Durchbruch. Es ist die Geschichte der Landarbeiter des Alentejo. Saramago schildert ihr entbehrungsreiche wie eintöniges Leben. Auch ihr aufbegehren gegen feudale Strukturen, die sich seit 500 Jahren überhaupt nicht verändert hatten. Die Landarbeiter besetzen nach der Nelkenrevolution die Latifundien. Aber es bleibt bei ihrer Hoffnung.





Viana de Castelo Denkmal der Nelkenrevolution
Sein internationaler Durchbruch kommt 1982 mit dem blasphemisch-humoristischen Liebesroman „Das Memorial“ (Memorial do Convento), der im Portugal des achtzehnten Jahrhunderts spielt und den Bau des Klosters von Mafra aus der Sicht des kleinen Mannes beschreibt. Es ist ein bitter-ironischer, facettenreicher und vieldeutiger Text, der gleichzeitig eine historische, soziale und individuelle Perspektive enthält. Das Buch inspirierte den italienischen Komponisten Azio Corghi zur Oper Blimunda, die 1990 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Der große Erfolg dieser beiden Romane bei den Lesern ermöglichte ihm die finanzielle Unabhängigkeit als Schriftsteller.

1998 wurde ihm der Nobelpreis der Literatur verliehen. Gegen die Verleihung protestierte der Vatikan. Wen wundert das.
Posthum wird im Herbst des Jahres bei Hoffman und Campe José Saramagos Roman „Die Reise des Elefanten“ und ein Jahr später sein letzter Roman „Kain“ erscheinen.
khw



Ehemaliges KZ des Salazar-Regimes
in Peniche