03.05.2010
Hamburger Korrespondenz

CDU hat in Hamburg keine Mehrheit mehr

Auch in der Hansestadt hat sich in diesen Wochen das Blatt gewendet. Nach der April-Umfrage kommt die derzeit mit grüner Kraft regierende CDU nur noch auf 34%, die Sozialdemokraten legen auf 37% zu. Ebenso liegt nun Die Linke bei 8%.

Der nächste Stolperstein für den Schwarz/Grünen Senat ist bereits ins Sicht. Am 18.Juli stimmen die Hamburger darüber ab, ob die Primarschule nun kommt oder nicht. Dass diese Schule kommt, ist der Wunsch der Grünen Christa Goetsch, Zweite Bürgermeisterin und Senatorin für Schule und Berufsbildung der Stadt. Derzeit wird mehr als ein Papierkrieg um die Primarschule geführt. Gegner und Befürworter der Schulreform berufen sich in ihrer Argumentation oft auf die selben Bildungsstudien, interpretieren deren Ergebnisse aber auf höchst unterschiedliche Weise.

Mit dem Allparteien-Beschluß in der Bürgerschaft für die sechsjährige Primarschule soll seit dieser Woche eigentlich Schulfrieden herrschen, doch der Streit um das richtige Schulsystem für die Hansestadt geht munter bis zum Volksentscheid am 18. Juli weiter. In der Debatte von Reformgegnern wie Befürwortern werden eine Fülle wissenschaftlicher Studien zitiert. Dabei kann das Für und Wieder der Reform auf einen Punkt gebracht werden: Klassenkampf.

In der Primarschule werden alle Schüler der Stadt 6 Jahre gemeinsam unterrichtet. Vorbei ist es mit dem alten Gymnasium, wohin nach der 4.Klasse gewechselt wurde. Damit es so bleibt, haben Hamburger Anwälte, voran Walter Scheuerl, die Initiative „Wir wollen lernen“ gegründet. Unternehmen der Stadt haben ihre Schatullen geöffnet. Die neue Schulreform würde am heiligen Gymnasium rütteln. Dagegen erheben sich große Teile des konservativen Bürgertums der Stadt - das sind auch CDU-Wähler - und verteidigen mit Zähnen und Klauen, mit Einfluß, Geld und Macht ihre Pfründe. Für sie ist es die letzte heilige Schlacht um Erhalt ihrer Klasse. Mit ins Horn bläst auch der Schauspieler Sky du Mont.

Bis heute ist das Schulwesen hierzulande noch immer ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse: Oberschicht geht zum Gymnasium, Unterschicht geht zur Hauptschule. Das wird mit einem Mythos begründet, der besagt, es gibt drei Arten von Begabungen. Die theoretische Begabung steht fürs Gymnasium, die theoretisch-praktische für die Realschule und die praktische Begabung für die Hauptschule. An diesem Begabungsmythos haben Eltern wie Lehrer über Jahrzehnte geglaubt. Walter Scheuerl kämpft mit seiner Initiative “Wir wollen lernen“ für den Erhalt des Mythos und seiner Zöpfe. Es soll damit alles beim Alten bleiben, auch die Rechte der gesellschaftlichen Eliten: Das Recht auf bessere Bildung und damit später auch ein höheres Einkommen.

Am späten Abend des 18. Juli werden wir es wissen, ob der Begabtenmythos von der Primarschule endlich abgelöst wird. Wenn diese Abstimmung negativ ausgeht, kann das auch das Ende der schwarz/grünen Hamburger Regierung von Ole von Beust werden.
khw