02.05.2009

Kahrs: Parteikader „neuen Typs“?

SPD-MdB Johannes Kahrs: Parteikader „neuen Typs“?

Dr. Peter Struck, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, gilt als Mann deutlicher Worte...

Wenn es aber um eigene Parteigenossen und deren Unzuträglichkeiten geht, ist er auffällig schweigsam.

Das ist gegenüber den Partei-Größen seiner Heimatstadt Uelzen nicht anders, als gegenüber Genossen der unmittelbaren Nachbarschaft in Hamburg. Dort zieht ein Politiker mit fragwürdigen Methoden ungestört seine Kreise.

Wie es aussieht scheint sich kein Spitzenpolitiker der SPD daran zu stören, weder Dr. Struck noch Steinmeier noch Müntefering:

Das Netzwerk von Johannes Kahrs
Der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs ist heute der mächtigste Mann der Hamburger SPD. Das sagen nicht nur seine Freunde. Mit einem feingesponnenen Netzwerk aus willigen Praktikanten führt er seinen Kampf gegen alles, was noch links ist in dieser Partei.

Sein Aufstieg war ein harter Gang nach Oben. Mit Bremer List servierte er alle seine Hamburger Konkurrenten ab. Um diese Macht weiter zu stärken, geht er nicht immer rücksichtsvoll vor. Das sagen heute auch seine ehemaligen Förderer. Wie ein Krebsgeschwür hat sich sein Netzwerk mit Günstlingen, Abhängigen und Unterstützern in der Hansestadt ausgebreitet.

Johannes Kahrs, 45 Jahre, vertritt seit 11 Jahren als Bundestagsabgeordneter der SPD den Hamburger Wahlkreis Mitte. Um zu dieser Position zu kommen, musste er den Schöngeist Freimut Duwe ablösen, was ihm gelang. Heute ist der rechte Sozialdemokrat in Personalunion auch Sprecher des einflussreichen Seeheimer Kreises, der als rechter SPD-Flügel der Bundestagsfraktion auch mit Abstimmungen lenkt. In der Hamburger Parteiorganisation hat er nur die Funktion eines Kreisvorsitzenden. Geschätzt und geliebt wird Kahrs von den Hamburger „Realo-Jusos". Hier zeigt er sich, wie bei seinen Wählern, stets kumpelhaft und als Mann der Tat.

Nicht ausgelastet vom Bundestagsmandat wirkt er in Dutzenden von Vereinen und Gesellschaften als Mitglied mit. Häufig ist Kahrs entweder der Vorsitzende, Vize oder der Schatzmeister. Auch diese diversen Mitgliedschaften sind Teil des Netzwerkes, die er für seine Politik ausnutzt. Zu Bundestagswahlen, bisher gewann er den Wahlkreis Hamburg-Mitte stets direkt, wird dieser mit seinem Konterfei auf Großplakaten eingedeckt. Rekordverdächtig, das bei Mitgliederschwund der Partei, ist seine Mitgliederwerbung. O-Ton Kahrs: „Ich bin ein erstklassiger Wahlkreisabgeordneter, ein hervorragender Kreisvorsitzender und ein guter Jugendhilfeausschussvorsitzender".

Wohl mit der Muttermilch ist der in Bremen geborene Johannes Kahrs zum Sozialdemokraten geworden. In diesem Bundesland war seine Mutter Bringfriede einst Bildungssenatorin, der Vater Wolfgang über Jahre Justizsenator. Wie sein Vater so wollte der Sohn einmal Jurist werden. Nach 9 Jahren Jurastudium bleibt es beim ersten Staatsexamen. Da ist Kahrs bereits seit Jahren Mitglied der SPD. Bereits mit 3 Jahren will er in der Weserstadt zu Wahlkämpfen Flugblätter verteilt haben. Ob das stimmt, läßt sich heute nicht mehr recherchieren.

Sein beruflicher Kindertraum war es, Offizier zu werden. Um hierfür zu üben, geht es erst einmal zu den Pfadfindern. Aber nach dem Abitur kommt für Kahrs die Bundeswehr. Der Oberstleutnant der Reserve nimmt jedes Jahr mehrmals an Wehrübungen teil.

Als Jurastudent schliesst er sich der farbentragenden Verbindung „Wingolfbund“ an und ist zu Beginn der 90er Jahre ihr Bundessprecher, heute noch als „Alter Herr“ in diesem Studentenclub immer aktiv. Zahlreich sind die Parteigenossen, die dieses Engagement für unvereinbar mit den Positionen der SPD halten. Nur Kahrs sieht das anders, für ihn ist der „Wingolfbund“ ein „Bibelwerfer", dabei christlich, überkonfessionell und nicht Mensuren schlagend.

Salopp könnte man sagen, Johannes Kahrs hat seinen SPD-Aufstieg militärisch strategisch geplant und durchgeführt. Seine bisherige Karriere im Bundestag: vier Jahre lang sitzt er im Verteidigungsausschuss und seit sieben Jahren im Haushaltsausschuss, wo er heute für den Etat des Verteidigungsministeriums zuständig ist. Mehrfach hat er zu den Bundestagswahlen hohe Spenden von deutschen Rüstungsfirmen erhalten, so von Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann. Die Summen lagen knapp unter der veröffentlichungspflichtigen Grenze von 10.000 Euro.
So sollen 2005 und 2006 mehr als 60.000 Euro aus der Rüstungsindustrie geflossen sein. Johannes Kahrs sagt, alle Spenden seien legal. Aber es gibt auch noch Sozialdemokraten, die diese Spenden für „moralisch unannehmbar" halten. Im Haushaltsausschuss blockiert er heute manche Projekte so lange, bis er erreicht habe, dass bestimmte Firmen an ihnen beteiligt würden. Die Fraktionsführung, auch Fraktionschef Peter Struck, verschließen davor die Augen, sagen SPD-Abgeordnete.

Kahrs Hamburger Machtbasis in eine Juso-Organisation von jungen Leuten, die 15,16 Jahre alt sind. Anders als bei den Linken wird bei den Kahrs-Jusos nicht viel diskutiert, statt dessen feiert man. Das ist reizvoll, wenn dann ein Kasten Bier und Schnaps vorbeikommt. Montags wird sich in Kahrs' Hamburger Büro getroffen. An die Anwesenden Mitarbeiter und Praktikanten werden die Aufgaben verteilt. So organisiert Kahrs nicht nur seine Berlin-Fahrten, auch seine Wahlkämpfe wie die Betreuung der Schüler-Praktikanten. So werden von ihm seine Gefolgsleute herangezogen, die ihm persönlich verpflichtet sind. Auch stellen sie heute die Hamburger Juso-Führung, einige sitzen im Parlament, der Bürgerschaft.

Einer dieser engen Gefolgsleute Danial Ilkhanipour, Sohn eines Exil-Iraners, hat einen Eklat ausgelöst. Kahrs Jusos überrannten den traditionell linken Hamburger SPD-Wahlkreis Eimsbüttel. Mit nur einer Stimme mehr wird Kahrs Parteifreund Ilkhanipour in einer Abstimmung gegen den linken Bundestagsabgeordneten Niels Annen der neue, rechte SPD-Kandidat. So ist derzeit die SPD in Hamburg mehr als gespalten, dass zahlreiche Genossen bereits von zwei Parteien sprechen. Auch der Hamburger Spitzenkandidat, Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, legt sich nicht offen mit Johannes Kahrs an. Und die Parteiführung in Berlin mischt sich ebenfalls nicht ein. So kann Kahrs sein Ziel, den Hamburger Landesverband zu übernehmen, in wenigen Jahren erreichen – für ihn arbeitet die Zeit.
Karl-H. Walloch